Eines der grundlegenden Konzepte in der Astrologie ist der Tierkreis, der die Bewegung der Sonne entlang des Himmels in zwölf gleichmäßige Abschnitte unterteilt. Doch wusstest du, dass es zwei verschiedene Arten gibt, den Tierkreis zu betrachten? Hier ist eine einfache Erklärung der Unterschiede zwischen dem siderischen und dem tropischen Tierkreis.
Siderischer Tierkreis: Die Sterne als Orientierung
Der Tierkreis wurde im 5. Jh. v. Chr. von den Babyloniern entwickelt. Ursprünglich wurde der Tierkreis auf die Fixsterne bezogen konzipiert. Diese 12 gleich großen Abschnitte zu je 30 Grad, auch bekannt als Sternzeichen, orientierten sich an den ungefähren Positionen der gleichnamigen Sternbilder. Der siderische Tierkreis ist also eng mit den tatsächlichen Sternkonstellationen verbunden, er stimmt mit ihnen überein - er orientiert sich buchstäblich am Sternenhimmel. Der Begriff „siderisch“ stammt vom lateinischen sidus („Stern“) ab. Das macht es leicht, sich den Unterschied zu merken: Der siderische Tierkreis orientiert sich an den Sternen.
Tropischer Tierkreis: Die Jahreszeiten als Referenz
Der tropische Tierkreis hingegen richtet sich nicht nach den Sternen, sondern nach dem Jahreslauf der Sonne. Er beginnt mit dem Frühlingspunkt, dem Zeitpunkt der Tagundnachtgleiche im Frühling, der im tropischen Tierkreis als 0° Widder definiert ist. An diesem Tag überquert die Sonne den Himmelsäquator. Tag und Nacht sind dann nahezu gleich lang. Damit orientiert sich der tropische Tierkreis an den Jahreszeiten und nicht an den Fixsternen.
Die Verschiebung der Tierkreise
Was bedeutet das nun für die Horoskopie? Während der siderische Tierkreis dauerhaft an den Fixsternen ausgerichtet bleibt, verschiebt sich der Frühlingspunkt im tropischen Tierkreis aufgrund der Präzession der Erdachse langsam gegenüber den Sternen. Dadurch driften tropischer und siderischer Tierkreis im Laufe der Zeit immer weiter auseinander. Die daraus entstehende Winkeldifferenz wird als Ayanamsha bezeichnet. Sie beträgt heute etwa 24° Grad - also fast ein ganzes Tierkreiszeichen.

Vom tropischen zum siderischen Tierkreis umrechnen
Die Umrechnung vom tropischen in den siderischen Tierkreis ist ganz einfach: Steht deine Sonne im tropischen Tierkreis beispielsweise auf 0° Widder, zählst du im Tierkreis etwa 24° rückwärts. In diesem Fall gelangst du zu 6° Fische im siderischen Tierkreis. Nach demselben Prinzip lassen sich auch die Positionen der übrigen Planeten und des Aszendenten umrechnen. Natürlich übernehmen astrologische Programme diese Berechnung heute automatisch.
Die Verwendung des siderischen Tierkreises in der Hellenistischen Astrologie
In der hellenistischen Astrologie, die die spätere astrologische Tradition maßgeblich geprägt hat, wurde der siderische Tierkreis verwendet. Dafür sprechen sowohl astronomische als auch historische Quellen.
Bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. erkannte der griechische Astronom Hipparch die Präzession der Erdachse. Er stellte fest, dass sich der Frühlingspunkt im Laufe der Zeit gegenüber den Fixsternen verschiebt. Damit war bekannt, dass siderischer und tropischer Tierkreis langfristig auseinanderdriften.
Hinzu kommt, dass sämtliche überlieferten Horoskope von der hellenistischen Zeit bis weit ins Mittelalter hinein den siderischen Tierkreis verwenden (vgl. Neugebauer, O. und van Hoesen, H. B., Greek Horoscopes, Philadelphia 1959). Dies spricht dafür, dass den antiken Astrologen der Unterschied zwischen beiden Tierkreisen bekannt war und sie sich bei der Horoskopdeutung bewusst für den siderischen Tierkreis entschieden.
Fazit
In der modernen westlichen Astrologie wird überwiegend mit dem tropischen Tierkreis gearbeitet. Die traditionelle Astrologie der Antike verwendete hingegen den siderischen Tierkreis, der bis heute in der indischen Astrologie sowie in einigen traditionellen westlichen Schulen gebräuchlich ist. Beide Systeme beruhen auf unterschiedlichen Bezugspunkten. Deshalb ist es wichtig zu wissen, welcher Tierkreis einer Horoskopdeutung zugrunde liegt.
Seit einigen Jahren lässt sich ein wachsendes Interesse am siderischen Tierkreis und an den astrologischen Traditionen der Antike beobachten. Immer mehr Astrologinnen und Astrologen setzen sich mit den historischen Quellen auseinander und entdecken den siderischen Tierkreis neu.
© Birgit von Borstel – Traditionelle Astrologie Akademie


