Blog der Akademie für Traditionelle Astrologie

Wie deutete man in der Antike ein Horoskop? – Ein Blick in die Praxis früher Astrologen

Traditionelle Astrologie ist für viele so faszinierend, weil sie relativ zur modernen Astrologie deutlich konkretere und präzisere Aussagen über das Leben eines Menschen zulässt. Doch obwohl aus der Antike zahlreiche Horoskope überliefert sind – überwiegend auf Papyri aus der Zeit zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert –, wissen wir nur sehr wenig darüber, wie eine astrologische Deutung damals tatsächlich klang. Die meisten dieser Horoskope enthalten lediglich technische Angaben wie Planetenstände und die Position des Aszendenten, gelegentlich den Namen des Klienten – aber kaum je eine schriftliche Interpretation.
Daraus schließen Forschende: Die eigentliche Deutung fand vermutlich mündlich während der Konsultation statt. Inspirationen dafür konnte der Astrologe in den Handbüchern finden, die typische Aussagen zu bestimmten Konstellationen überlieferten.

Die antiken Lehrbücher enthalten beispielhafte Deutungen der kombinierten Planeteneinflüsse, die sich aus ihrer Stellung im Tierkreis ergeben. Für jemanden, dessen Aszendent unter dem Einfluss von Venus und Jupiter steht, konnte eine solche Deutung wie folgt lauten: "Von den Massen geehrt (...) klug, scharfsinnig und (...) wohlhabend." Solche Aussagen waren jedoch nicht als allgemein gültige oder einzig richtige Deutung gedacht. Die Autoren der Lehrbücher weisen immer wieder darauf hin, dass sie lediglich typische Tendenzen beschreiben, die im Zusammenhang mit dem gesamten Horoskop des Ratsuchenden zu beurteilen sind.

Klaudios Ptolemaios, einer der einflussreichsten Gelehrten und Astrologen der Antike, geht in seinem berühmten Werk Tetrabiblos sogar noch einen Schritt weiter. Er betont, dass ein gewissenhafter Astrologe die Deutung stets an die individuelle Lebenssituation des Ratsuchenden anpassen müsse. Darüber hinaus weist er darauf hin, dass die Konstellationen der Himmelskörper aufgrund ihrer ständigen Bewegung niemals in exakt derselben Gesamtkonstellation wiederkehren. Selbst wenn sich einzelne Faktoren wiederholten, seien die übrigen Konstellationen und die Beschaffenheit der Welt niemals genau dieselben wie zuvor.

Auch deshalb konnten die Aussagen der Lehrbücher - jedenfalls nach Ptolemaios' Auffassung - nicht als feste Rezepte verstanden werden. Sie mussten vielmehr auf den jeweiligen Einzelfall angewendet und im Zusammenhang mit dem gesamten Horoskop sowie der konkreten Lebenssituation des Ratsuchenden interpretiert werden.

Diese Auffassung hängt eng mit Ptolemaios' Verständnis der Astrologie zusammen. Viele dürften überrascht sein, dass er astrologische Konstellationen nicht als Ausdruck eines unabänderlichen Schicksals verstand. Zwar bewegen sich die Himmelskörper nach einem festen, göttlichen Rhythmus, doch ihr Einfluss auf die irdische Welt ist aus seiner Sicht nicht schicksalshaft festgelegt. Vielmehr verstand Ptolemaios die Gestirne als symbolhafte Hinweise, deren Bedeutung sich je nach individueller Lebenslage unterschiedlich entfalten kann. Auch das entspricht in vieler Hinsicht der heutigen Sichtweise.

 

Keine fertigen Rezepte: Astrologie als lebendige Praxis

Die überlieferten astrologischen Beratungen der Antike drehten sich häufig um sehr persönliche Fragen: Familie, Ehe, Krankheiten, Reisen oder Wohlstand. Die astrologischen Handbücher lieferten dafür jedoch keine fertigen Rezepte. Ihre Methoden waren oft uneinheitlich und ließen viel Spielraum. Ein Astrologe brauchte deshalb neben technischem Wissen auch Erfahrung, Urteilsvermögen und die Fähigkeit, die jeweilige Lebenssituation des Ratsuchenden einzubeziehen. Die Deutung war eine lebendige Praxis, die stark von der Erfahrung und Denkweise des einzelnen Astrologen geprägt wurde.

Bemerkenswert ist, dass sich die Fragen der Ratsuchenden bis heute kaum verändert haben. Vielleicht liegt gerade darin die zeitlose Faszination der traditionellen Astrologie: Sie verbindet klare Regeln mit individueller Deutung. Die Technik bildet das Fundament – doch erst die Interpretation macht aus einem Horoskop eine astrologische Beratung.

 

© Birgit von Borstel – Traditionelle Astrologie Akademie

Astrologie: Ausbildung

DAV Logo Ausbildungszentrum

vor. Zul zeichen neu 080422

Birgit von Borstel

Kursleitung:

DAV-geprüfte Astrologin, studierte Philosophie, Psychologie und Musikwissenschaft in Hamburg. Zunächst in der Musikbranche im Marketing tätig, absolvierte sie nebenberuflich von 1999 bis 2002 eine Ausbildung in psychologischer Astrologie. Es folgten Weiterbildungen in traditioneller Astrologie. Seit 2006 arbeitet sie als Berufsastrologin in Berlin und unterrichtet seit 2007 Astrologie. Sie ist zudem als Heilpraktikerin für Psychotherapie qualifiziert.
2023 gründete sie die Online-Akademie für Traditionelle Astrologie; die hier angebotene Ausbildung ist seit 2022 DAV-zertifiziert. Aktuell studiert sie Geschichte und Religionswissenschaften mit Schwerpunkt Astrologiegeschichte.

Anmeldung und Kontakt:

Birgit von Borstel
Traditionelle Astrologie

Meyerheimstraße 3
10439 Berlin

Tel.: 030-3156 9812
info@birgitvonborstel.de

Astrologische Beratung mit Traditioneller Astrologie

Zusätzlich zu den Kursen biete ich astrologische Beratungen an.
Weitere Informationen und Terminvereinbarungen findest du hier:
Beratungen - Birgit von Borstel

www.birgitvonborstel.de